Apple bringt Software für den Rest von uns

In den Achtziger-Jahren waren Apple-Produkte ein Privileg erfolgreicher Kreativer, die das nötige Kleingeld hatten, sich die leistungsstarken und edlen Maschinen ins Agenturloft zu stellen. Die Macs waren allerdings mehr als ein Luxus; sie erlaubten es gerade im DTP-Bereich auch, einen geldwerten Mehrwert zu generieren, da sie Leistungen boten, die andere nicht hatten.

Apple Motion X: Einfacher zu bedienen, aber professionelle Anwender vermissen die alten Features

Schwergewicht im Film- und Videomarkt
Viel hat sich seither geändert. Apple-Rechner sind schon lange erschwinglich. (Meinen ersten habe ich mir 1995 als Student gekauft.) Aber die Kreativ-Profis waren doch immer eine treue Kundengruppe – auch und gerade im Videobereich. Mit dem 1999 eingeführten Final Cut Pro wuchs Apple nach und nach zu einem Schwergewicht beim professionellen Filmschnitt heran. Hollywoodfilme wie Benjamin Button oder 300 entstanden auf dem System und große Fernsehsender wie der NDR stellten intern auf das System um. Final Cut Studio 2 und 3 waren echte Erfolge unter den anspruchsvollsten Anwendern; die Farbkorrektur-Komponente Color ist absolute Spitzentechnologie. Hinzu kam das gute Standing des Pixar-Chefs Steve Jobs in der Filmbranche.

Neue Strategie?
Nun scheint es allerdings einen Strategiewechsel in Cupertino gegeben zu haben. Das gestern vorgestellte Final Cut Pro X (FCPX) bedeutet einen radikalen Bruch mit der Vorversion und in den Fachforen der Profi-Anwender herrscht Ernüchterung. Das netteste, was zu hören ist, ist der Hinweis, dass die Vorversion ja noch weiter läuft. Ansonsten aber gibt es herbe Kritik: Kein Multi-Cam-Schnitt mehr, reduzierte Audio- und Video-Editing-Funktionen, kein DVD Studio Pro mehr und viele weitere Verschlechterungen. Es scheint, als habe Apple den High-End-Markt aufgegeben.

Ciao, Profi!
Ein bisschen erinnert Apples neues FCPX an Aperture 3. Ebenfalls eigentlich ein Produkt für den professionellen Markt, das auch enorm starke Funktionen bietet, aber doch auf den ersten Blick aussieht wie ein aufgebohrtes iPhoto und die Profi-Features erst auf den zweiten Blick freigibt. In anderen Bereichen fiel der Schnitt deutlich schärfer aus: Shake, eine absolute Top-Software fürs Compositing, also die Verbindung von Filmmaterial mit visuellen Spezialeffekten, hat Apple einfach eingestellt und auch die Xserve Blade-Server verschwanden einfach vom Markt. Zugleich hat Apple die Server-Version seines Betriebssystems deutlich verbilligt und bietet sie als einfaches Upgrade über den Appstore an.

Willkommen, Prosumer und Semi-Profis!
Was aber bringt es, eine potente, kauffreudige Kundengruppe vor den Kopf zu stoßen, die sich nicht scheut, für eine Investition viel Geld auszugeben? Vielleicht zwei noch größere Käufergruppen: Wer wie der Autor dieser Zeilen für Verlage oder Medienhäuser arbeitet, der weiß, dass es einen enormen Bedarf an Fotos und Videos gibt, zugleich aber das Budget nicht mehr vorhanden ist, um diese von ausgebildeten Profis wie Fotografen, Kameraleuten oder Cuttern produzieren zu lassen. Da muss dann der Redakteur selber ran, der eigentlich für ganz andere Aufgaben ausgebildet ist. Und genau hier haben FCPX oder Aperture 3 ihre Stärken: Sie erlauben es Laien, die sich in Filmschnitt und Bildbearbeitung nur eingearbeitet haben, zu professionell aussehenden Ergebnissen zu kommen. Ähnliches gilt auch für die Prosumer: Enthusiasten, die viel Geld in Foto- und Videotechnik als Hobby stecken und in ihrer Freizeit beachtliche Arbeiten schaffen. Diese Gruppen sind allemal größer als die ausgebildeten Profis. Und ja, ich gehöre dazu.

Platz für andere
Ob Apple seine anspruchsvollsten Kunden dennoch halten kann? Man wird sehen. Alternativen für Final Cut Studio gibt es jedenfalls – auch auf der Mac-Plattform. Besonders Adobe kann sich freuen: Premiere hat in den letzten Jahren einen deutlichen Sprung nach vorne gemacht, After Effects ist sowieso das beliebteste Motion-Graphic-Tool auch auf dem Mac und Lightroom ein würdiger Gegner für Aperture.

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